Ein Ort für gute Erfahrungen – Behandlung von Kindern mit psychischen Erkrankungen

Die Vivantes Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit vier Standorten in Berlin hat gerade ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Chefärztin Dr. Yonca Izat berichtet im Interview, warum das Fachgebiet lange unterschätzt wurde und wie es sich von der Erwachsenenpsychiatrie unterscheidet.

Was hat sich in den zehn Jahren verändert, die es die Vivantes Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt?

Dr. Yonca Izat: Der Fachbereich wird innerhalb der medizinischen Disziplinen ernster genommen. Es ist nicht mehr die Rede davon, dass es sich bei psychischen Erkrankungen von Kindern nur um Phasen handele, die sich „verwachsen“ und vorbeigehen. Wir haben einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag Kindern wieder die Teilhabe an allen Lebensbereichen möglich zu machen und gegen Stigmatisierung vorzugehen – wie die Annahme, dass nur ein bestimmtes, soziales Milieu betroffen ist, oder dass die jungen Patienten keine effektive Behandlung erfahren würden, sondern sich der Spruch „einmal Psychiatrie, immer Psychiatrie“ im Sinne eines Drehtüreffektes  bewahrheitet.

Haben Sie den Eindruck, die Kinderpsychiatrie und –Psychotherapie wurde vorher belächelt?

Izat: In der Medizin wird oft das Herz als wichtigstes Organ im menschlichen Körper gesehen, dabei ist es das Gehirn, das alles steuert. Wie ein Computer gibt es das raus was reingegeben wurde: Wenn ich nur mit Druck und Stress und mit negativen, belastenden Erfahrungen groß werde und diese für normal halte, wird mein Gehirn auch künftig Druck, Stress und Belastungen produzieren. Das sich entwickelnde Gehirn braucht eine achtsame und wohlwollende Umgebung und die versuchen wir hier unseren jungen Patientinnen und Patienten zu ermöglichen.

Ich sage immer, die Entwicklung des Gehirns beginnt direkt nach der Zeugung – schon während der Schwangerschaft werden viele Parameter der Stressverarbeitung eines Menschen beeinflusst. Und bereits im Mutterleib haben Ängste der Mütter oder andere negative Zustände Einflüsse auf die Entwicklung bestimmter Nervensysteme, die wir nach der Geburt zur Gefühlsregulation nutzen.

Ungünstige Kindheitserfahrungen erhöhen Krankheitsrisiken

Die Therapie in Ihrer Klinik ist sozusagen schicksalsentscheidend für die Kinder und Jugendlichen?

Izat: Es gibt zumindest Studien, die besagen, dass ungünstige Kindheitserfahrungen zu einem mehrfach erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen führen – aber auch für Herzinfarkte, Bluthochdruck und Schlaganfälle oder einer erhöhten Neigung zu Diabetes mellitus. Unverarbeiteter Stress im Kindesalter kann zu ungünstigen Strategien führen diesem Stress zu begegnen, wie ungünstiges Essverhalten, Rauchen, Alkohol trinken, Drogenkonsum, und im Zuge dessen einer geringeren Lebenserwartung.

Aber es geht vor allem auch um die Leistungsfähigkeit dieser Kinder, denn ein gestresstes Gehirn kann nicht auf alle seine Fähigkeiten zugreifen. Wenn ich zum Beispiel eine soziale Phobie habe (also Ängste in sozialen Situationen), ist mein Körper in der Schule die ganze Zeit damit beschäftigt meine Angst zu regulieren. Dadurch kann der Lernstoff nicht so gut aufgenommen, verarbeitet und abgespeichert werden. In der Folge werden diese Kinder zu „Minderperformern“ in der Schule, bleiben hinter ihren Fähigkeiten zurück, machen schlechte Abschlüsse oder keinen und sind später im Leben sozioökonomisch schlechter gestellt. Das wiederum macht sie unzufriedener mit ihrem Leben und ist ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen.

Im Unterschied zur Erwachsenenpsychiatrie entscheiden Kinder und Jugendliche nicht selbst, ob sie in Behandlung gehen wollen. Wie erreichen Sie die Eltern?

Izat: Meist denken Eltern „mein Kind funktioniert nicht“ – oder das Jugendamt, oder die Schule kommen auf uns zu, weil ein Kind schwänzt oder Schulprobleme hat. Entscheidend ist, warum dieser Eindruck entsteht. In unserer Klinik haben wir es nicht nur mit einer Person  zu tun, sondern mit einem ganzen Netzwerk, einem System, das ein Kind prägt. Bei getrennten Eltern sind es mitunter gleich vier Erwachsene – nämlich auch die neuen Partnerinnen und Partner – die einbezogen werden müssen, die Großeltern, wenn sie sich auch um das Kind kümmern und die Lehrkräfte sowie gegebenenfalls die Jugendämter.

„Es muss im Netzwerk besprochen werden, was das Kind braucht.“

Kann ihre Klinik – die zunächst Ort für die Kinder und Jugendlichen ist – das denn leisten?

Izat: Natürlich koordinieren und vermitteln wir hier vor allem. Aber es gibt auch wöchentliche Beratungsgespräche mit den Eltern und Fallbesprechungen, in denen alle Helfersysteme gemeinsam am Tisch sind. Das ist sehr aufwendig, aber wirklich nachhaltig kann sich die Symptomatik eines Kindes nur ändern, wenn an so vielen Stellen wie möglich die Umwelt des Kindes eine förderliche Umgebung sichert. Es muss im Netzwerk besprochen werden, was das Kind braucht, um dann gemeinsam Hilfen zu planen: Eltern brauchen teilweise Unterstützung, um  ihre Erziehungskompetenzen weiter zu stärken, Großeltern sollten die Regeln der Eltern kennen und in der Rolle der Großeltern bleiben, Lehrerinnen und Lehrer sollten viel über die Symptomatik wissen, um feinfühlig mit betroffenen Schülern umzugehen.

Wo liegen weitere Unterschiede zwischen psychischen Erkrankungen bei Kindern und Erwachsenen?

Izat: Je jünger Menschen sind, wenn psychische Erkrankungen auftreten, desto wichtiger ist es, die Umwelt bei der Therapie einzubeziehen. Und je kleiner das Kind desto unspezifischer sind die Symptome, die Kinder zeigen.
Es sind eher allgemeine Verhaltensweisen wie ein sich nach innen kehren (zu internalisieren) – beispielsweise bei Ängsten oder Depressionen, oder nach außen (externalisierend) – wie bei Wut oder Aggressionen. Bei manchen Kindern gehen diese Verhaltensweisen auch ineinander über – manchmal sogar mehrmals an einem Tag.

Das heißt wir arbeiten nicht mit festen Diagnosen, bei uns ist alles noch sehr im Fluss. Darüber ob ein Kind später gesund ist, das mit drei Jahren –  etwa wegen Wutausbrüchen – bei uns ist,  oder ob es eine Depression hat oder eine Schizophrenie entwickelt, kann man keine hundertprozentige Vorhersage treffen. Dafür sind es zu viele Faktoren und Einflüsse, die bei der Entwicklung einer Krankheit hineinspielen. Umso wichtiger ist es, bei uns sogenannte störungsbildübergreifende Maßnahmen zu etablieren, um die förderliche Umwelt des Kindes zu sichern.

Sie sagten, psychische Erkrankungen bei Kindern sind keine „soziale Frage“, auch „unauffällige Familien“ sind oft betroffen. Wie sind hier die Hintergründe?

Izat: Wenn Eltern von drei Kindern z.B. nur beim Jüngsten psychische Auffälligkeiten entdecken, fragt man sich, woran das liegt.  Ist zwischenzeitlich etwas Traumatisches passiert? Gab es Krisen in der Familie? Eine Trennung? Die Ressourcen der Eltern fluktuieren. Je nach eigener Lebenssituation können Signale der Kinder besser oder weniger gut wahrgenommen werden. Die elterliche Intuition ist angeboren, kann jedoch durch eigene Krisen (Krankheiten, emotionale, finanzielle Belastungen etc.) überlagert sein.  Und es gibt natürlich sehr herausfordernde Kinder, die mit Schwierigkeiten auf die Welt kommen wie z.B. autistische Kinder, da kann jeder in ein Überforderungserleben gelangen.

„Das Kind ist in Not, nicht undankbar und schlecht.“

Wo setzen Sie in einer solchen Situation an?

Izat: Jeder hat sein Päckchen zu tragen, wir suchen keine Schuldigen, sondern wollen herausfinden, wie alle wieder besser zusammenfinden, wir sprechen von der „Passung“. Welches Temperament, welche Besonderheiten, Entwicklungsstörungen bringt ein Kind mit? Welche Schwierigkeiten haben die Eltern? Die Lösung kann darin bestehen, wenn nötig eine Akutsituation zu entschärfen, auf beiden Seiten für den anderen zu sensibilisieren, zu „mentalisieren“, also ein Bewusstsein für innere Zustände zu schaffen. Die Beziehungsgestaltung sollte verbessert werden, wir befähigen die Eltern dazu, die Wut ihres Kindes besser zu begleiten und dem Kind zu helfen, seine Gefühle zu regulieren. Hier geht es in erster Linie um Verständnis: „Das Kind ist in Not, und nicht undankbar und schlecht.“

Wie erfolgversprechend sind die Therapien – auch im Vergleich zur Erwachsenenpsychiatrie?

Izat: Wir haben immer den Anspruch eine psychische Störung zu heilen, auch wenn sich das häufig nicht erreichen lässt und wir nicht alle Faktoren beeinflussen können. Aber wir bieten einen Ort, wo neue korrigierende Beziehungserfahrungen gesammelt werden können und ein Kind aufgefangen wird, so dass sich die Symptomatik soweit verbessert, dass es Teilhabe in allen Bereichen erhält, d.h. einen Kindergarten bzw. die Schule besuchen kann, aus der Familie nicht ausgestoßen wird und einer altersentsprechenden Freizeitgestaltung mit Freunden und Aktivitäten nachgeht. Und wir wollen generationenübergreifende Entwicklungen durchbrechen; d.h. wenn Eltern beispielsweise gewalttätig sind, wollen wir den Kindern einen anderen möglichen Weg aufzeigen. Es ist ein großes Erfolgserlebnis, wenn unsere Schützlinge ihren Schulabschluss machen, berufliche Perspektiven erhalten und auf eigenen Füßen stehen können.

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