Glücklich leben – wie gelingt das?

Was ist das eigentlich: Glück? Und wie viel davon brauchen wir, um ein Leben zu führen, das wir als glücklich bezeichnen? Dr. Christoph Richter, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Vivantes Klinikum Kaulsdorf, rät dazu, sich diese Frage zu stellen: „Wie will ich leben?“

Porträt von Dr. Christoph Richter

Dr. Christoph Richter

„Ich genieße es, morgens mit dem Fahrrad in die Klinik zu fahren und dabei die aufsteigenden Nebelschwaden über den Wiesen und den Himmel im Morgenrot wahrzunehmen“, erzählt Dr. Christoph Richter. Um diesen Moment erleben zu können, muss man aufmerksam sein – hinschauen, hinhören, sich öffnen für das Erleben angenehmer Momente.

„Vielen ist die Fähigkeit abhanden gekommen, ihre Chance zu erhöhen, angenehme Gefühle, also auch Glücksgefühle zu erleben“, stellt der Chefarzt fest. Woran das liegt? Dr. Richter: „Der Fokus vieler Menschen liegt darauf, ihr Leiden zu mindern. Sie suchen Hilfe. Im Rahmen von Depressionen können positive Erlebnisse beispielsweise nicht mehr gesehen werden, die Zukunft wird als bedrohlich und aussichtslos erlebt. Depressives Grübeln verhindert, neue Perspektiven einzunehmen.“

Glücklich oder zufrieden?

Der Begriff Glück ist vielschichtig. Er schließt sowohl eine momentanes Glücksgefühl ein wie auch eine anhaltende Glückseligkeit. Aber es geht nicht immer vordringlich um das große Gefühl, das einem das Herz überlaufen lässt, sondern vielmehr um eine möglichst langfristig empfundene Zufriedenheit. Dann ließe sich Glück auch so beschreiben: als einen Grad oder eine Art Maß, mit welchem der Mensch die Qualität seines Lebens und seine Zufriedenheit misst. Diese Maßstäbe sind natürlich individuell verschieden, denn jeder Mensch hat andere Vorstellungen davon, wie sein Leben aussehen soll. Das ist auch abhängig vom jeweiligen Lebensalter.

Kleeblätter

Foto: Bananafish – Fotolia

Studien beweisen: Mit 20 Jahren sind die meisten Menschen mit sich noch zufrieden, Mitte 40 weniger, mit zunehmendem Alter steigt die Zufriedenheit wieder an und pendelt sich auf dem Niveau eines 20-Jährigen ein. Dr. Richter: „Viele haben verlernt zu akzeptieren, dass wir nicht immer nur angenehme Gefühle haben. Und dass weniger angenehme Gefühle uns etwas sagen wollen – etwa, dass wir etwas verändern sollten, um wieder Glücksmomente zu erleben, dass wir unsere Interessen wie auch unsere Gesundheit sichern sollten! Angenehme und unangenehme Gefühle – beide gehören zum Menschsein.“

Sind wir egoistisch?

In unserer heutigen Zeit stellt sich schon mal ein Unbehagen ein: Ist es egoistisch, sich Gedanken übers Glück zu machen, wenn in unserer Welt viele Menschen immer noch extremes Leid ertragen müssen, etwa Verfolgung, Terror oder Bürgerkriege? Wenn Umweltzerstörung, Ausbeutung und Gewalt die Nachrichten dominieren und Burn-out, Konflikte, Depressionen und Einsamkeit die Gespräche mit Freunden bestimmen? Nein, egoistisch ist es nicht, denn die Suche danach treibt alle Menschen an, sie ist ein natürliches, ernst zu nehmendes Motiv menschlichen Handelns. Und sie beschäftigt seit Langem die Wissenschaft, zum Beispiel Neurobiologen, Mediziner, Soziologen, Philosophen und Psychologen.

„Seit Jahrtausenden gehen Religionen und Philosophieeinrichtungen dem Thema nach ‚Wie führe ich ein erfülltes Leben?’ Ein modernes Psychotherapieverfahren nach Matthias Wengenroth regt an, nicht nach kurzen Glücksgefühlen zu suchen, sondern nach dem wertvollen Leben. In dem wird man sich manchmal glücklich fühlen, manchmal aber auch nicht“, sagt Dr. Richter. Sein Rat: sich den unangenehmen Gefühlen nicht zu verschließen, um nicht in ein lähmendes Leid zu fallen, in dem einem jegliche Lebendigkeit abhanden kommt. Dabei spielt auch der Kopf eine große Rolle. „Nutzen Sie Ihren Verstand“, appelliert der Chefarzt, „allerdings ist er nicht immer ihr Freund, er ist ihr Werkzeug. All Ihre Gefühle sind wichtig, denn sie sind Spuren Ihrer Biografie. Machen Sie sich das im Leben Gelernte zunutze, akzeptieren Sie Ihre Vergangenheit, denn sie ist nicht mehr zu ändern.“

Leben ist nicht immer gerecht

Marienkäfer auf Grashalm

Foto: fotomaximum – Fotolia

Das Leben verteilt die Karten nicht immer fair – auch diese Tatsache anzunehmen ist wichtig. Denn das Hadern mit Enttäuschungen und vermeintlichen Niederlagen kostet Energie, und die ließe sich auch dafür einsetzen, positiv nach vorne zu schauen und sich diese Fragen zu stellen:

Was ist mir wichtig im Leben? Welche Rolle spielen meine Familie, Freunde und Bekannten? Welchen Stellenwert haben Ausbildung, Beruf und Arbeit, welchen Freizeit und Vergnügen? Haben Spiritualität oder Religion für mich eine Bedeutung? Nicht zuletzt ist auch die Antwort auf diese Frage wichtig: Welchen Beitrag möchte ich leisten in dieser Gesellschaft, in der ich lebe?

Dr. Christoph Richter ermuntert dazu, nachsichtig mit sich umzugehen: „Seien Sie ein Mensch und keine Maschine. Zweifeln Sie gelegentlich an sich selbst und lernen Sie zu verzeihen! Seien Sie anteilnehmend, offen, tröstend und liebevoll, zu sich und zu anderen. Dann werden Sie Glücksmomente erleben!“


Dieser Artikel ist auch im Patientenmagazin „gesund! Leben in Berlin“ Ausgabe 4/2018 erschienen.

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