„Halte es für möglich, dass dein Arzt beim Thema Tod noch mehr Angst hat als du“

Jeden Tag erlebt Dr. Matthias Gockel, wie sehr das Verdrängen und das Verschweigen einen bewussten Umgang mit dem Sterben blockieren – bei den Patientinnen, Patienten, deren Angehörigen, aber auch bei ihren Ärztinnen und Ärzten. Deshalb spricht der Palliativmediziner am Vivantes Klinikum im Friedrichshain viel über das Sterben und hat auch ein Buch darüber geschrieben.

„Der Tod gehört mitten ins Leben“, sagt Palliativmediziner Dr. Matthias Gockel. Er wünscht sich deshalb einen Kulturwandel, eine neue Art der Gesprächskultur. Offen über den Tod und das Sterben zu sprechen ist ein erster Schritt – er hilft, Entscheidungen zu treffen, die für ein Sterben in Selbstbestimmung und Würde unerlässlich sind.

Herr Dr. Gockel, warum fällt es uns so schwer, über das Sterben zu sprechen?
Dr. Matthias Gockel: Dafür gibt es verschiedene Gründe, die sich gegenseitig ergänzen und verstärken: Der Tod macht uns in seiner existenziellen Bedrohung schlicht Angst, und es gibt keine gesellschaftliche Tradition, darüber zu reden. Das zeigt sich schon daran, wenn man selbst überlegt, mit wem man offen und persönlich über den Tod gesprochen hat, also ganz konkret: „Wie will ich sterben, was ist mir wichtig?“

Eine grundsätzliche Frage: Warum haben wir Menschen Angst vor dem Tod und was können wir dagegen tun?
Vielleicht ist das zutiefst menschlich, dass das Unvorstellbare Angst macht. Es ist eben ein Unterschied, ob „wir alle irgendwann sterben müssen“ oder ich ganz konkret und möglicherweise schon bald. Zusätzlich muss man unterscheiden zwischen Angst vor dem Tod und Angst vor dem Sterben, also dem „Was kommt dann?“ und dem „Wie“.
Ich glaube, dass es hilft, sich diesen Fragen zu stellen, denn wenn die Angst da ist, dann beeinflusst sie uns auch jenseits der bewussten Beschäftigung mit dem Thema.
Was ich aber in der ärztlichen Arbeit sehe: Es gibt auch Menschen, die entweder lebenssatt sind oder ihr Leben so belastend finden, dass der Tod seine Angst verliert. Vielleicht ist der Versuch möglichst „lebenssatt“ zu werden ein Weg, der Angst zu begegnen.

Was sollten Patientinnen oder Patienten mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung unbedingt beachten? Was können Angehörige tun?
Medizin versucht aus ihrem Selbstverständnis heraus zunächst einmal Leben zu retten oder zumindest zu verlängern. Um welchen Preis bzw. mit welchen Folgen ist dabei oft in einem recht weiten Rahmen sekundär. Wenn dies auch mein Wunsch ist, dann muss ich nichts tun. Wenn es aber davon abweichende Prioritäten gibt, „rote Linien“, die ich nicht überschritten haben will, dann muss ich das mitteilen. Und vor allem auch dafür sorgen, dass dies Menschen bekannt ist, die für mich sprechen, wenn ich es selber nicht kann, es also informierte Bevollmächtigte gibt.
Sowohl für Patienten wie auch für Angehörige ist es oft schwer, bewusst ein Gespräch über die tödlichen Verläufe von Erkrankungen zu führen, aber es ist wichtig. Manchmal hilft es, die Gespräche im Konjunktiv zu führen, das macht sie weniger bedrohlich. „Machst du dir Gedanken, was passiert, wenn es nicht gut ausgeht? Gibt es etwas, wovor du Angst hast?“

Wie kann ein Sterben in Würde und in Selbstbestimmung aussehen?
Grundvoraussetzung ist: Ich weiß, dass mein Tod bevorsteht. Nur dann kann ich planen und gestalten, und dafür brauche ich Zeit – um für mich und mit meinen Nächsten zu klären, was mir wichtig ist. Möchte ich noch Zeit gewinnen und dafür auch Risiken eingehen? Oder sind mir das Wo und das Wie wichtiger? Wer hilft mir, wenn es mir schlechter geht? Solche Gespräche anzubieten, wenn gewünscht, sehe ich auch als Aufgabe der Medizin.

Sie sagen „Halte es für möglich, dass dein Arzt beim Thema Tod noch mehr Angst hat als du“. Was meinen Sie damit?
Jeder Arzt, jede Ärztin hat andere Gründe, warum sie oder er diesen Beruf gewählt hat. Aber zumindest bei einem Teil von uns, da nehme ich mich selber definitiv nicht aus, hat es etwas mit „den Tod und die Krankheit“ besiegen zu tun. Das ist kein schlechtes Motiv, aber es kann eben dazu führen, dass ich vor dem Tod die Augen verschließe, Gespräche über das Lebensende nicht oder zu spät führe oder meine Behandlungen so wähle, als wären wir alle unsterblich. Wenn ich vor dem Tod nicht die Augen verschließen will, dann kann es hilfreich sein, einen Arzt zu finden, der dies auch nicht tut.

Wie erleben Sie zum einen als Arzt, zum anderen als Privatperson die Nähe zum Tod?
Als Arzt sehe ich den Tod nicht als Versagen oder als meinen Feind. Meine Aufgabe ist, ihn so wenig belastend und so leidensarm wie möglich zu machen. Als Mensch bin ich oft berührt von der Intensität, deren Zeuge ich in solchen Zeiten werden darf. Und ich habe für mich gelernt, wie kostbar das Leben ist.

Haben Sie Erinnerungen an Patientinnen oder Patienten, denen ein selbstbestimmtes Sterben gelungen ist?
Ja. Sie alle hatten die Klarheit darüber, dass sie sterben werden, sowie das Bedürfnis, den Rahmen so weit wie möglich selbst zu gestalten – Abschied nehmen, ganz bewusst. Und alle waren mit ihrem bisherigen Leben zufrieden.

Kontakt
Dr. Matthias Gockel
Leiter des Schwerpunktes Palliativmedizin
Vivantes Klinikum im Friedrichshain
Landsberger Allee 49, 10249 Berlin
matthias.gockel@vivantes.de
www.vivantes.de/kfh

Buchtipp: „Sterben – warum wir einen neuen Umgang mit dem Tod brauchen“ von Matthias Gockel

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