Psychotherapieform: Schwere Schicksale durch Augenbewegungen verarbeiten

Schwere Schicksale durch Augenbewegungen verarbeiten –  Psychotherapieform aus den USA am Vivantes Zentrum für seelische Frauengesundheit eingeführt

Dr. med Lena Dentz

Viele schwere Schicksale wurden Dr. Lena Dentz, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, schon anvertraut. Sie ist zertifizierte Traumatherapeutin für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, kurz EMDR. Vier Jahre betreute sie Polizisten, Feuerwehrleute und Soldaten, die zur Behandlung von Traumata zu ihr kamen und  nach ihren Einsätzen unter Schlaflosigkeit, Alpträumen und Flashbacks litten. Seit einem Jahr ist sie am Zentrum für Seelische Frauengesundheit im Vivantes Humboldt-Klinikum tätig und hat hier mit weiteren, ganz anderen Arten von Belastungsstörungen zu tun.

 Frage: Mit welchen Traumata kommen Frauen typischerweise in Ihre Sprechstunde?

Dr. Lena Dentz: Wir sehen in den Sprechstunden oft Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, oder die in ihrer Kindheit und Jugend körperlichen Missbrauch erlebt haben. Auch Frauen, die vergewaltigt oder überfallen wurden, Frauen, die Fluchterlebnisse verarbeiten müssen und Frauen, die Opfer von Verkehrsunfällen geworden sind, finden den Weg zu uns.

Der Schritt in die Traumatherapie fällt sicher nicht jedem leicht – wie zeigen sich die Auswirkungen der Traumata von Patientinnen im Alltag?

Oft kommen die Betroffenen zu uns, weil sie unter verschiedensten Ängsten leiden. Sie begeben sich beispielsweise nicht mehr unter Menschen, oder haben Angst mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Sie werden leicht wütend, oder sind grundsätzlich in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Dieser sogenannte „Hyperarousal“, eine Übererregbarkeit des Nervensystems, war in Zeiten erhöhten Risikos von Nutzen, um schnell auf Gefahren reagieren zu können, wenn sich der Körper aber ohne entsprechenden Auslöser dauernd in einem ‚Notfallprogramm‘ befindet, dann führt das zu einem starken Leidensdruck. Frauen, die beispielsweise Opfer eines nächtlichen Überfalls waren, reagieren bereits mit starken Ängsten, wenn sie nachts Geräusche hören, die mit dem Überfall in gar keiner Verbindung stehen.

Sie sind Traumatherapeutin mit einem Zertifikat für EMDR – „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ – dabei geht es um die Verarbeitung eines Erlebnisses durch Augenbewegungen. Wie kann man sich das vorstellen?

Die Methode wurde in den 80er Jahren von Dr. Francine Shapiro in den USA entdeckt. Dabei folgt der Patient bzw. die Patientin den Fingern des Therapeuten mit den Augen in schnellen Bewegungen von links nach rechts, das wird auch bilaterale Stimulation genannt. Diese Stimulation unterstützt das Gehirn, die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren und die belastenden Erinnerungen zu verarbeiten.

Handelt es sich um die Augenbewegungen, die man auch aus Träumen kennt? Wie kann durch eine solche manuelle Bewegung etwas im Gehirn ausgelöst werden?
Tatsächlich sind die Augenbewegungen der Patientinnen mit den Augenbewegungen im REM-Schlaf vergleichbar – der Phase des Schlafes, in der die Geschehnisse des Tages verarbeitet werden. In der Therapie sind jedoch die Augen geöffnet. Die Bewegung wird parallel mit Inhalten verknüpft. Zunächst wird geprüft, ob die Patientin in der richtigen Verfassung für eine EMDR-Therapie ist. Gegebenenfalls versucht man, sie zunächst an besonders schöne Erlebnisse zu erinnern, die ebenfalls durch die Methode verstärkt werden können.                                                                                             

Wenn wir ein Beispiel für ein traumatisierendes Erlebnis nehmen, wie könnte eine solche EMDR-Therapie aussehen?

Vorstellbar wäre, dass beispielsweise eine Beifahrerin einen Unfall miterlebte, bei dem sie selbst oder ein Angehöriger verletzt wurde. Seither kann sie nicht mehr Auto fahren, vielleicht nicht einmal mehr bei anderen mitfahren und bekommt immer wieder belastende Erinnerungen. In einer EMDR-Therapie würde nach einer Anamnese- und Stabilisierungsphase die Patientin angeleitet werden, mit einer der belastenden Situationen in der Traumaerfahrung in Kontakt zu gehen, während gleichzeitig die bilaterale Stimulation durchgeführt wird. Eine der belastenden Situationen könnte z.B. der Augenblick vor dem Aufprall sein beim Blick in das Licht des Gegenverkehrs. Möglicherweise resultiert daraus eine Angst, die immer dann auftritt, wenn die Patientin helles Licht sieht. Eine EMDR-Sitzung wird oft mit einer Zugreise verglichen: Die Betroffenen fahren noch einmal an dem Geschehen vorbei – aber aus sicherer Distanz und in Begleitung der Behandler. Im weiteren Verlauf der Sitzungen verblassen die belastenden Erinnerungen Stück für Stück und die Symptome des Traumas werden aufgelöst.

Und durch die Verbindung von Augenbewegung und Kognition verbessert sich die Situation für die Patientinnen?

Das dauert natürlich mitunter viele Sitzungen. Wenn man merkt, es wird zu schwer für eine Patientin, sie folgt dem Finger nicht mehr, oder verschwindet in ihrem Trauma, versucht man, sie zurückzuholen und einen Gegenwartsbezug herzustellen.

Wie erkennen Sie, dass die Therapie wirkt?

Im Idealfall schwächen sich die Symptome ab, mit denen die Patientinnen gekommen sind, sie bewältigen den Alltag besser, können wieder schlafen und lernen, mit den alten traumatischen Erinnerungen und Gedanken umzugehen und eine neue, angemessenere Perspektive auf das Geschehen zu entwickeln.

Gelingt es Ihnen, nicht persönlich belastet zu werden, wenn Sie von solchen Erlebnissen hören?

Mich bewegen vor allem Traumata, wenn Kinder involviert sind, wobei sicherlich – wie auch in anderen Fachrichtungen – die Berufserfahrung hilft und letztendlich sage ich mir: ich helfe den Menschen ja aus dieser Situation heraus! Bei schweren Traumata ist es vor allem belastend, wenn man eine Geschichte zum ersten Mal hört. Insofern geht es mir wie den Patientinnen – im Laufe der Therapie findet auch bei mir eine gewisse Verarbeitung statt.


Foto Auge: coloroftime/getty images 168623001

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