Silvester in der Rettungsstelle: „So richtig voll wird es ab 2 Uhr morgens“

Silvester ist Ausnahmezustand, auch in Rettungsstellen. Wie bereiten sich die Berliner Rettungsstellen auf den Jahreswechsel vor? Dr. Philipp Kellner, Chefarzt der größten Vivantes Rettungsstelle im Klinikum im Friedrichshain, berichtet im Interview von lebenslangen Schäden durch Feuerwerksverletzungen und besorgniserregenden Trends – etwa, dass in der letzten Silvesternacht mehr als die Hälfte der Unfallopfer von Böllern, Raketen & Co. Kinder und Jugendliche waren.

Herr Dr. Kellner, Sie leiten als Chefarzt eine der größten Rettungsstellen Berlins am Vivantes Klinikum im Friedrichshain – wie bereiten Sie sich und Ihr Team konkret auf Silvester vor? Wie viel Personal mehr ist im Einsatz und aus welchen Fachrichtungen?

Rettungsstellen-Chefarzt Dr. Philipp Kellner

Dr. Philipp Kellner: Wir erwarten an Silvester allein im Klinikum im Friedrichshain bis zu 300 Patienten – und das ist nur eine der acht Rettungsstellen von Vivantes. Für die Silvesternacht sind umfassende Vorbereitungen notwendig. Das geht von der Erweiterung der Materialvorhaltung – wir brauchen etwa mehr Infusionen und Spuckbeutel für die Versorgung Betrunkener sowie zusätzliche Einweg-Nahtsets für die Wundversorgungen – bis zur Dienstplanung. Sowohl im Funktions- als auch im Ärztlichen Dienst der Rettungsstelle werden Schichten verstärkt. Dankenswerterweise finden sich Kolleginnen und Kollegen im Team, die sich dafür freiwillig melden. Diesen Kollegeinnen und Kollegen gilt mein Dank und meine Bewunderung für ihren selbstlosen Einsatz!

Welche Silvester-Situation in der Notaufnahme oder welcher Silvester-Patient ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
Kellner: Ein kleiner Junge, der am Neujahresmorgen nicht explodierte Böller vor der Haustür aufsammelte und damit nach dem Vorbild der älteren herumzündelte. Aufgrund des kurzen Zündschnurrestes explodierte der Böller in seiner Hand und verletzte ihn sehr schwer.

Sie haben bei einer Vivantes-internen Erhebung herausgefunden, dass jeder zweite Feuerwerks-Verletzte unter 18 Jahre alt war –  was sagen Sie dazu?
Kellner: Das ist ein trauriger Trend. Insbesondere die gefährlichen und illegal importierten Böller gelangen immer häufiger in die Hände von Minderjährigen.

Was sind die häufigsten Verletzungen durch Pyrotechnik?
Kellner: Mittelgradige Verbrennungen insbesondere an den Händen und im Gesicht sowie Knalltraumata sind die häufigsten Verletzungen. Das haben wir bei einer Erhebung in unseren acht Rettungsstellen in Berlin herausgefunden, für die wir pyrotechnische Fälle zum letzten Jahreswechsel gesondert erfasst haben. Zum Glück sind die meisten Verletzungen oft nur leicht bis mittelschwer.

Gibt es auch schwere Verletzungen?
Kellner: Ja, leider kommt es auch immer wieder zu schweren Verletzungen mit Amputation von Gliedmaßen oder Verletzungen der Augen. Nicht alle Verletzungen können wir wieder so herstellen, dass keine lebenslangen Schäden oder körperlichen Einschränkungen zurückbleiben. Das sind oft irreparable Gesundheitsschäden – das bedeutet, Betroffene haben diese gesundheitlichen Schäden in der Regel ein Leben lang.

Bei der letzten Silvester-Erhebung von Vivantes kam auch heraus, dass nur etwa fünf Prozent aller Rettungsstellen-Notfälle um Silvester herum durch Feuerwerk verletzt wurden. Weshalb werden die anderen Notfall-Patientinnen und -Patienten versorgt? Welche Rolle spielen Alkohol und Drogen bei Verletzungen in der Silvesternacht?
Kellner: Neben den üblichen Erkrankungen und Verletzungen, die wir an jedem Tag behandeln, haben wir sehr viel mit den direkten oder indirekten Folgen von Alkohol oder auch Drogen zu tun. Für jede Fachrichtung ist etwas dabei: Von drogenbedingten Bewusstseinsstörungen mit lebensbedrohlichen Unterkühlungen bis hin zu alkoholbedingten Unfällen jeder Art. Wir sind für alle da und helfen allen.

Wann in der Silvesternacht rechnen Sie erfahrungsgemäß mit den meisten Patienten?
Kellner: Zwischen 23:45 bis 00:15 Uhr herrscht eine relative Ruhe. So richtig voll wird es ab 2 Uhr morgens, wenn der Alkohol seine volle Wirkung entfaltet. Viele Verletzte kommen auch erst am nächsten Vormittag, wenn Sie ihren Rausch ausgeschlafen haben.

Man hört und liest, dass es Unfälle mit Raketen und Böllern oder Angriffe gibt – was gibt es häufiger?
Kellner: In den Rettungsstellen haben wir 26 fremd verschuldete Verletzungen und 30 selbst verschuldete Unfälle mit Feuerwerk dokumentiert. Im Jahr davor sah es ähnlich aus. Es gibt einen bedauernswerten Trend zu regelrechten Straßenschlachten mit Pyrotechnik, bei denen häufig selbst nicht böllernde Menschen verletzt werden.

Eine private Frage: Böllern Sie auch selbst an Silvester, wenn Sie mal frei haben?
Kellner: Auf gar keinen Fall! Ich bin ein großer Fan von Feuerwerk. Aber als Zuschauer in gebührendem Sicherheitsabstand. Nachdem ich an Sylvester vor 4 Jahren mit Böllern beschmissen und verletzt wurde, verzichte ich darauf, das neue Jahr auf der Straße zu begrüßen.

Links:

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Fotos:

Böller – Till Frers auf Pixabay

Porträt Dr. Kellner: Werner Popp für Vivantes

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