Keine Nebensachen: Umdenken bei Nebenwirkungen von Krebstherapien

Lebensqualität trotz Krebs? Die Nebenwirkungen von Krebstherapien und die Beschwerden durch die Krebserkrankung selbst machen vielen Betroffenen zu schaffen. Durch Supportive Therapien können diese gelindert werden. Im Interview berichtet Prof. Dr. Petra Feyer, Direktorin der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie im Vivantes Klinikum Neukölln, dass die letzten Jahre neue Erkenntnisse und Verbesserungen gebracht haben.

Supportive Therapien sind auch Thema auf dem 14. Berliner Krebskongress

Nebenwirkungen von Krebstherapien – was hat sich hier geändert?

Prof. Dr. Petra Feyer, Direktorin der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie im Vivantes Klinikum Neukölln

In den vergangenen 10 bis 15 Jahren hat ein Umdenken stattgefunden: Die Nebenwirkungen von Krebstherapien werden jetzt schon vorausschauend bewertet und Supportive Therapien als Teil der Krebsbehandlung geplant. Wir wissen heute viel mehr über die möglichen Folgen von Chemotherapie,  Strahlentherapie, zielgerichteten Therapien und Immuntherapien und können prophylaktisch und therapeutisch handeln.

Wie denn zum Beispiel?

Beispielsweise gibt es sehr wirksame Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen. Sogenannte Antagonisten, die Botenstoffe im Körper blockieren können. Das ermöglicht es uns heute, aggressivere Therapien anzuwenden, deren Nebenwirkungen wir durch neu entwickelte Medikamente auffangen können. Ein anderes Beispiel: Bei Krebstherapien, die das Blutbild verändern, können wir gezielt stimulierende Medikamente verabreichen, um Anämien (Blutarmut) zu behandeln oder Wachstumsfaktoren geben, wenn es dem Patienten an weißen Blutzellen mangelt (Neutropenie).

Also werden viele Nebenwirkungen durch neue Medikamente abgemildert?

Nicht nur durch Medikamente. Zum Beispiel können wir Nervenschädigungen (Neuropathien), die durch Chemotherapie verursacht werden können, durch gezielte physikalische Maßnahmen lindern. Da kann man Vibrationstraining oder Gleichgewichtsübungen machen. Das hilft vielen wirklich gut.

Über Übelkeit, Nervenschädigungen und Blutbildveränderungen haben wir schon kurz gesprochen. Was sind noch häufige, unerwünschte Folgen?

Ein wichtiges Thema ist auch die Ernährung beziehungsweise die drohende Mangelernährung, denn manche Patienten leiden unter entzündeter Mundschleimhaut, Mundtrockenheit oder Geschmacksirritationen – das kann als Folge von Chemotherapie oder Strahlentherapie auftreten. Dann können Patienten oft nicht mehr ausreichend essen oder sind appetitlos. Bei mir in der Klinik gibt es eine spezielle Sprechstunde mit einer Ökotrophologin, die Patientinnen und Patienten mit Ernährungsproblemen berät.

Was sind denn die häufigsten Ernährungsprobleme und was kann dagegen getan werden?

Viele Patienten nehmen zu wenige Kalorien zu sich. Häufig fehlt dem Körper Eiweiß. Mangelernährung bemerken wir heute frühzeitiger und können diese durch Zusatzernährung oder über hyperkalorische Infusionen oft ausgleichen, wenn der Mangel durch eine Ernährungsumstellung nicht ohne weiteres auszugleichen ist. Wir raten dazu, ein Ernährungstagebuch zu führen. Insgesamt sollte man sich ausgewogen ernähren: mit Obst und Gemüse, viel Eiweiß, auch mal ein Steak essen, nicht zu viele tierische Fette zu sich nehmen. Ein Problem ist jedoch, dass es vielen Betroffenen einfach nicht schmeckt. Schuld sind in der Regel Geschmacksirritationen.

Geschmacksirritation?

Ja, Irritationen des Geschmacksempfindens sind eine recht häufige Nebenwirkung von Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich oder Chemotherapie. Wenn alles wie Pappe oder salzig schmeckt, mag man nicht viel essen. Jedoch: Schmecken wird auch über den Geruchssinn gesteuert,  das kann trainiert werden. Rieche ich Erdbeeren, dann weißt das Gehirn, ich esse jetzt Erdbeeren. Das kann helfen. Nach einer Bestrahlung zum Beispiel der Mundhöhle, können wir allerdings davon ausgehen, dass es bis zu einem halben Jahr dauern kann, bis sich der Geschmack wieder erholt hat.

Können Sie Betroffenen einen Tipp geben, was sie selbst tun können?

Man kann sagen, dass angepasste körperliche Aktivität eigentlich jedem hilft. Was Patientinnen und Patienten außerdem selbst tun können, steht zum Nachlesen auch in der neuen Patientenleitlinie zu Supportiven Therapien, die im Februar 2018 erschienen ist, und die die neue S3-Leitlinie für Betroffene erklärt. Hier werden die zehn wichtigsten Nebenwirkungen einer Tumortherapie angesprochen.

Die Leitlinie für die Fachleute ist ja auch neu – was ist denn an der neuen S3-Leitlinie das Wichtigste?

Dass es überhaupt erstmals eine solche Leitlinie gibt. Als S3-Leitlinie enthält sie Handlungsempfehlungen für alle Berufsgruppen, die an der Versorgung von Menschen mit Krebs beteiligt sind. Es wird thematisiert, wie eine erfolgreiche, spezifische Krebstherapie erst durch eine Supportive Therapie ermöglicht wird. An der Leitlinie haben meine Kollegin Prof. Dr. Maike de Wit und ich mitgearbeitet: Wir waren zwei von insgesamt etwa 50 Experten verschiedenster Fachgesellschaften, die an der Erstellung der ersten deutschen Querschnittsleitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen Patienten und Patientinnen“ aktiv beteiligt waren.

Wie wird es denn erreicht, dass die Empfehlungen aus der Leitlinie auch tatsächlich angewendet werden?

Erfreulicherweise wird die Leitlinien-gerechte Supportivtherapie nun auch im Rahmen der Zentrenzertifizierung der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) überprüft. Ich bin zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen von der DKG beauftragt, dies sicherzustellen. Das bedeutet insgesamt, dass die Therapieempfehlung zur Supportiven Therapie in die Prozesse eingebunden wird und die Leitlinie somit einen sehr hohen Stellenwert hat. So werden die Qualität in der Patientenbetreuung und die Lebensqualität unserer Patienten in Deutschland immer besser.

Hat sich auch bei Ihnen im Klinikalltag in Sachen Nebenwirkungen etwas geändert?

Ja, sehr viel. Mögliche Nebenwirkungen behandeln wir fast immer prophylaktisch und thematisieren diese auch im Patientengespräch.  In unserer Wartezone legen wir Fragebögen aus, die 17 der häufigsten Nebenwirkungen auflisten und bitten die Patientinnen und Patienten, anzukreuzen, womit sie aktuell Probleme haben. Dann kann ich in meiner Sprechstunde gleich gezielt darauf eingehen und gemeinsam mit demjenigen besprechen, was wir tun. Den Patientinnen und Patienten wird so auch bewusst, dass wir ihre Beschwerden ernst nehmen und nicht alleine für die Bestrahlung da sind – sondern uns umfassend um sie kümmern.

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