Wie Gesundheit in Berlin Schule macht

Eine gemeinsame Schule für alle, in Berlin die Gesundheitsberufe* erlernen: Der Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe (BBG) ist Anfang 2020 gestartet. Darin wurden die Ausbildungseinrichtungen von Vivantes und Charité zusammengelegt.

Im Interview spricht die pädagogische Geschäftsführerin Christine Vogler über die Bedeutung von fachlicher Expertise, den gemeinsamen Campus als kreative Heimat und darüber wie die Zahl der Schulplätze nach und nach erhöht werden kann.

Frage: Sie haben selbst in der Pflege gearbeitet und leiten nun den Berliner Bildungscampus. Sind Gesundheitsberufe denn Berufe mit Zukunft oder doch eher unattraktiv?

Christine Vogler:  „Wir sollten aufhören, die Pflege und die anderen Gesundheitsberufe schlechtzureden. Ich komme aus der Pflege und bin gelernte Pflegepädagogin. Sicherlich mögen das System und die Bedingungen gegenwärtig schwierig sein, aber die Berufe sind toll. Es sind sinnstiftende Professionen sind mit großer Verantwortung und gesellschaftlichem Gewinn. Und die kann eben nicht jeder ausüben, das geht nur mit fachlicher Expertise. Gesundheitsberufe sind mehr als Mitgefühl und Freude am Umgang mit Menschen. Also Profession statt nur Passion. Wir bilden am BBG Expertinnen und Experten aus, die sehr gute Berufschancen und großartige Entwicklungsmöglichkeiten haben.“

Der Berliner Bildungscampus ist aus den renommierten Ausbildungsinstituten von Vivantes und der Charité entstanden. Senden denn neben Vivantes und der Charité noch weitere Krankenhäuser ihre Azubis zu Ihnen?

Christine Vogler: „Ich hoffe, dass wir bald nicht nur den Nachwuchs anderer Berliner Krankenhäusern, sondern auch etwa aus Pflegeheimen oder aus anderen Gesundheitseinrichtungen unterrichten. Das ist das erklärte Ziel. Daher ist der Bildungscampus auch als gemeinnützige Gesellschaft von Vivantes und der Charité gegründet worden – und damit ausdrücklich offen für Kooperationen mit anderen Trägern und Unternehmen, diskriminierungsfrei und nicht auf Gewinne ausgerichtet. Das ist eine große Chance für uns alle in Berlin.“

Wo können sich junge Menschen denn bewerben?

Christine Vogler:  „Bei den Ausbildungsbetrieben direkt, also bisher bei Vivantes und der Charité und in Zukunft dann auch bei den künftigen Kooperationspartnern. Der praktische Teil der Ausbildung findet in engem Austausch mit dem BBG in den Betrieben selbst statt, wir als Schule übernehmen dann den theoretischen Part. Und das auf einem hohen Niveau, das für alle gleich ist.“

Bis zu 3.000 Schülerinnen und Schüler sollen den Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe in Zukunft besuchen. Sind das nicht mehr als Vivantes und Charité eigentlich brauchen?

Christine Vogler: „Ja, das sind bewusst mehr Pflegekräfte als Vivantes und Charité bräuchten. Wir planen etwa eine Verdopplung, wir sind mit rund 1.700 Schülerinnen und Schülern Anfang 2020 gestartet. Aber in Berlin und Brandenburg fehlt es ja insgesamt an Fachkräften und es ist ja bekannt, dass der Bedarf weiter wachsen wird. Und das nicht nur in den größeren Krankenhäusern. Was vielen vielleicht nicht ganz klar ist: Rund 70 Prozent der Pflege findet heute im ambulanten Bereich statt, etwa bei mobilen Pflegediensten, in der häuslichen Pflege. Allein deshalb ist es sinnvoll, wenn wir es in Berlin schaffen, über den Bedarf der Krankenhäuser hinaus auszubilden.“

Wann kommt denn der Campus?

Christine Vogler:  „Wenn ein geeignetes Gelände für den Campus bereit steht, wird es noch einige Jahre dauern, bis die Gebäude fertiggestellt sind und wir den gemeinsamen Campus beziehen können. Wir freuen uns schon darauf, auf unsere kreative Heimat. Damit meine ich einen Ort, an dem wir gemeinsam lehren und lernen und uns austauschen können. Außerdem können wir dort auch unsere gemeinsame Identität weiter stärken und gleiche Bedingungen für alle anbieten.“

Wie kann das BBG bis dahin funktionieren? Können bis dahin überhaupt mehr Schulplätze angeboten werden?

Christine Vogler: Wir werden nach und nach mehr Schulplätze anbieten können. Bis der Campus bezogen werden kann, bilden wir an drei Standorten aus – Nord, Mitte und Süd. Das ist in Reinickendorf, Mitte und Neukölln. Unser Standort „Nord“ in Reinickendorf wird noch weiter ausgebaut, er wurde ja erst im September 2019 eröffnet. Für die 3000 anvisierten Plätze, reichen allerdings diese Standorte tatsächlich nicht aus. Die Schulstandorte von Charité und Vivantes wurden vom BBG übernommen. Für unsere Azubis hat das übrigens auch Vorteile: Einige können sich jetzt einen Schulstandort aussuchen –  zum Beispiel den, bei dem sie in der Nähe wohnen.“

Was ändert sich mit der generalistischen Pflegeausbildung?

Christine Vogler:  „In Zukunft werden die Schülerinnen und Schüler in der generalistischen Ausbildung mehr pflegerische Handlungsfelder und mehr Einrichtungen kennenlernen – ambulant und stationär. Dann kann am Ende jeder entscheiden, was am besten zu ihm passt. Ich verstehe zwar die Befürchtungen der Betriebe, dass ihre Azubis nach der Abschlussprüfung dann abwandern könnten. Aber die Erfahrung zeigt, dass es auf positive Erlebnisse und auf Prägung ankommt. Je besser ein Ausbildungsbetrieb sich um die eigenen Nachwuchskräfte kümmert, desto eher bleiben sie auch später im Haus, und zwar aus Überzeugung.“

Mehr zur Person:
Christine Vogler ist neben ihrer Tätigkeit als pädagogische Geschäftsführerin des Berliner Bildungscampus  in zahlreichen Verbänden organisiert, so unter anderem als Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerates (DPR e.V.) und als stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Lehrender für Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS e.V.). Für ihr Engagement für eine zeitgemäße und innovative Pflegeausbildung erhielt sie 2018 den Berliner Frauenpreis. Bevor sie die Geschäftsführung des BBG übernahm, hat sie seit 2004 die Pflegeschule des Wannsee-Schule e.V. geleitet.

*Mehr zur den Gesundheitsberufen:
Nicht nur Pflegenachwuchs besucht den Berliner Bildungscampus. Auszubildende aus acht verschiedenen Gesundheitsberufen lernen am BBG: Anästhesietechnische Assistent*innen (ATA), Diätassistent*innen, Pflegefachfrauen/ Pflegefachmänner, Pflegehelfer*innen, Hebammen, Logopäd*innen, Operationstechnische Assistent*innen (OTA) und Physiotherapeut*innen.

https://www.bildungscampus-berlin.de/

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